| HAZ vom 22.12.2009: Im Gleichschritt! |
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Josephiner spielen Musical „Swinging St. Pauli“
VON STEPHANIE DREES HILDESHEIM. Eigentlich sind Alberta und Beate ordentliche deutsche Mädchen. Besonders Beate zeigt mit strammen Haarknoten hinter den Ohren und verschüchtertem Blick, dass die Szenerie, in die sie geraten ist, eine neue Welt offenbart. Eine dunkle, verraucht-verruchte Bar, angloamerikanische Rhythmen, und drei Jungs im Trenchcoat lassen ordentlich die Hüften kreisen. Wo ist sie da nur hineingeraten? In Leo’s Bar. Wir schreiben das Jahr 1941, und die deutsche Geschichte steht kurz vor einem ihrer absoluten Tiefpunkte. Eine Gruppe Jugendlicher versucht in einer kleinen Enklave der Freiheit reichsdeutschem Druck und Gehorsam zu entfliehen. Sie wollen Musik statt Volksempfänger, feiern statt fürchten, tanzen statt marschieren. Die sogenannte Swing-Jugend zelebriert ihre eigenen Werte. Eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Schülern hat die Welt der Popkulturrebellen auf die Bühne des Audimax gebracht. 34 Oberstufenschülerinnen und –schüler des Gymnasiums Josephinum haben sich eines Stoffs angenommen, der musikalisch wie inszenatorisch eine eher härtere Nuss darstellt. Mit „Swinging St. Pauli“ sind die Jugendlichen ein Musical angegangen, dessen dramatische Kurve starke emotionale Ausschläge verzeichnet. Komödie mit reichlich Slapstickeinlagen, Liebesdrama, Party, Zeitdokument. All das soll „Swinging St. Pauli“ sein. Und dann muss man auch noch singen. Die jungen Bühnenkünstler gehen dabei äußerst professionell vor. In kompletter Eigenregie haben sie die Geschichte um die jungen Swing-Liebhaber, die in der Bar des Untergrund-Sympathisanten Oskar Leonhardt ein zweites Zuhause finden, inszeniert. Vor allem gesanglich (Leitung: Hannah Vollmer) zeigen die Schüler große Leistungen, sitzen auf Barhockern im Scheinwerferlicht und intonieren die Höhen und Tiefen anspruchsvoller Soli souverän. „Ein Lied für dich“, gesungen von der jungen Jüdin Emma (Hannah Vollmer) erinnert Barbesitzer Oskar (charmant: Anselm Derda) an das Schicksal seines verstorbenen Freundes Jakob. Melancholisch und leicht lasziv performt Alberta (Sophia Vollmer) jazzige Liebesbekenntnisse, und die drei männlichen Protagonisten (sehr unterhaltsam: Kristoffer Uhlenkamp, Lukas Vollmer, Nikolai Rex) lamentieren in frühzeitlicher Rock-’n’-Roller-Pose über ihre Probleme, die weiblichen Wesen zu verstehen: „Erklär’ mir die Frauen!“, bitten sie. Dahinter sorgt das schuleigene Orchester (Leitung: Lukas Speer) für starken Big-Band-Sound. Es geht um Herzschmerz, um Nostalgie, um jugendliche Leichtigkeit und den Ausdruck von Lebensfreude vor dem Hintergrund großer Bedrohung. Hier liegt die Herausforderung einer Stückvorlage, die für Laien fast ein wenig zu hoch gegriffen erscheint. Denn nach der fröhlichen Geburtstagsparty mit „Dr. Fusel“ und Songs von pubertärer Schwärmerei à la „Das muss Liebe sein“ marschieren stramm Obersturmbannführer Hundt und Stenzel (Damian Anders, Michael Schmidtke) über die Bühne. Verhöre und Todesfälle folgen auf Liebesgeplänkel, und letztendlich swingen dann wieder alle fröhlich zusammen. Die Vorlage verlangt ihren Tribut. Die jugendlichen Darsteller versuchen sich der hedonistischen Botschaft „Leb’, bevor es zu spät ist“ mit darstellerischer Kraft und Spielfreude zu nähern. Ein große Leistung, die vor allem von musikalischer Begeisterung und viel, viel Rhythmus-Gefühl zeugt. |

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