HAZ vom 02.11.2010: "Dann ist man fast in der Hölle" PDF Drucken

Am katholischen Feiertag Allerheiligen warnt evangelischer Ex-Bischof vor Selbstüberhebung

Hildesheim (bar). Was macht eigentlich einen Heiligen aus? Der ehemalige evangelische Landesbischof und heutige Abt des Klosters Loccum, Horst Hirschler, fand es zumindest schon „fast heiligmäßig“, wie aufmerksam die Schüler des Josephinums seinen Vortrag zum Thema „Heilige und Vorbilder“ verfolgten. Anlass des Referates waren die Feiertage Reformationstag und Allerheiligen. Beide werden an dem katholischen Gymnasium gleichzeitig begangen werden, um den Schülern beider Konfessionen gerecht zu werden. Die letzten oberen Jahrgänge des Gymnasiums waren als Zuhörer eingeladen.

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Seine kirchliche Laufbahn begann er als  Schulpastor. Jetzt spricht der frühere Landesbischof Horst Hirschler vor Oberstufenschülern des Gymnasiums Josephinum. Foto: Barth

Für evangelische Christen, so stellte Hirschler heraus, seien keine besonderen Heldentaten nötig, um „Gott recht“ zu sein. Dafür reichten Glaube und Gottvertrauen, „da muss man nicht noch Klimmzüge am Kronleuchter machen“. Vollkommen Heilige gebe es ohnehin nicht: „Wir sind alle Sünder.“ Das gelte auch für die Kirche: „Die Kirche ist eine große Sünderin.“ Es sei aber möglich, sündig und gerecht, nämlich von Gott angenommen, zur gleichen Zeit zu sein. Heilige sehe man in der evangelischen Kirche eher als vorbildliche Christen, derer man gedenke.

Wenn ein Mensch einen anderen anrühre, ihn Gott nahe bringe, weil Christus durch ihn rede, dann erfülle dieser Mensch wohl in dem Moment die Rolle eines Heiligen, ohne es selbst zu wissen. Gefährlich sei es aber, wenn sich jemand selbst schon ganz heilig vorkomme: „Wenn man selber merkt, dass man heilig ist, dann ist man schon fast in der Hölle.“

Hirschler sprach über das Thema lebendig, humorvoll und am Beispiel von Diskussionen, die er mit Katholiken darüber geführt habe. Auch wenn man im Thema nicht zueinander gefunden habe, seien das oft fruchtbare Gespräche gewesen – „wir haben uns richtig gut verstanden“.

Wie Schulleiter Benno Haunhorst erläutert, lädt das Josephinum im Wechsel mal Vertreter der katholischen, mal der evangelischen Kirche ein. Für die überwiegend katholischen Schüler habe die Sicht des einstigen Landesbischofs einmal einen ungewohnten Blick auf die Heiligenverehrung ermöglicht.

Hirschler berichtete, in seinen eigenen Schülertagen sei eine solche Veranstaltung noch undenkbar gewesen. Da hätten sich Kindergruppen beider Konfessionen gegenseitig verdroschen und die Familien suchten den Bäcker oder Fleischer nach der Zugehörigkeit zu ihrer Kirche aus.

Von den Schülern nach der heutigen Situation der Kirche gefragt, erklärte Hirschler, Jugendliche fänden heute nur noch schwer den Weg in die Kirche: „Das ist meine größte Sorge.“