HAZ vom 1.12.2011: Warum schreiben, wozu Literatur? PDF Drucken

Mit „ Texte zur Poetik“ erforscht Silvio Vietta jahrtausendelanges Nachdenken über Literatur - Josephiner gestalten Buchpräsentation mit

Von Jacqueline Moschkau

HILDESHEIM. Sie waren Philosophen und Politiker, Dichter und Denker: Von Aristoteles über Lessing, Novalis, Schlegel bis Opitz - die Liste ließe sich ins Unendliche verlängern. Silvio Vietta, Professor für Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Hildesheim, vereint sie unter einem Aspekt: Sie waren nicht nur Schriftsteller, weil sie geschrieben haben, sondern weil sie auch über das Schreiben geschrieben silvio viettahaben. In einer konzertanten Lesung stellte er jetzt den entstandenen Band „Texte zur Poetik. Eine kommen­tierte Anthologie" in der Universitätsbi­bliothek vor.

Was ist Literatur, und was vermag sie für den Leser zu sein? Wie sind Sprache und Schrift beschaffen, was kann ein Au­tor damit erreichen? Zu dem Wie auch das Warum des Schreibens: Was sind Motiva­tion, Zweck und Legitimation literari­schen Schaffens? Dies sind wohl die zen­tralen Fragen, die auftauchen, wenn von

„Poetik" gesprochen wird. Es ist das Re­flektieren, das Hinterfragen und Recht­fertigen des schriftstellerischen Tuns, welches bereits vor 2500 Jahren im anti­ken Griechenland einsetzte und seither mit dem kreativen Akt verbunden ist wie Tag und Nacht.

Vietta reist durch die Kulturgeschichte sechs großer Epochen: Antike, Mittelalter, Renaissance und Barock, Aufklärung und Klassik, Romantik und Moderne sowie Nachkriegszeit und Jetzt. Er konzentriert die Zitatesammlung auf die bekannten Größen der Literatur- und Philosophiege­schichte.

Wenngleich seit der Moderne weitaus mehr interessante Gedankenansätze zum Thema Poetik zu finden seien, hätten diese wohl aufgrund der sehr individuellen Betrachtung des Schreibens zu einer Zerfa­serung des Bandes geführt, erklärt Vietta. Also verbindet er die bedeutenden Stim­men dialogisch und bildet dabei den Wan­del im Blick auf die Literatur ab: die mi­metische Übersteigerung der Emotionen und Horaz' regelhafte Ratschläge für Au­toren in der Antike, die Literatur als Me­dium der Erinnerung, als Chronik im Mit­telalter, die moralische Aufgabe der Literatur unter strengen ästhetischen Vorga­ben im Barock, den Verbund von Literatur und Philosophie unter dem Einfluss der Aufklärung, die Autonomie dar Künste in der Moderne sowie die Neu(er)findung des literarischen Schaffens durch Verfremdung im Jetztzeitalter.

Die Verknüpfung der durch die Jahr­tausende hinweg sich wandelnden und weiterentwickelnden Standpunkte gestaltet Vietta mit Damian Haack, Anne Mil­ler, Felix Warnecke, Sanne Ziethen, Sara Zumhasch, Uni-Studenten und Schüler des Gymnasiums Josephinum, in Hörspiel-Manier: Akkurater Ausdruck und wechselnde Sprecherollen erleichtern den Überblick über die historischen Ak­teure; ein bisschen feministischer Enthusiasmus und mechanisch-präziser Sprechduktus stellen den Zeitgeist heraus, wirken aber nicht überdramatisiert. Auf die jeweils nächste Epoche stimmt das Celli-Duo Sarah Pechmann und Frauke Span­genberg ein und gibt dem informativen Abend einen unterhaltsamen Rahmen.