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Das Bischöfliche Gymnasium Josephinum

Domhof 7 - 31134 Hildesheim - Tel: 05121-1795-0 - Mail: buero@gymnasium-josephinum.de

1200 Jahre Schule am Dom

05. April 2018

HAZ vom 4. 04.2018: „Jugend forscht“: das Erfolgsmodell des Josephinums

Von CHRISTIAN HARBORTH

Jufo Harborth

Akribische Feinarbeit seit mehreren Jahren: Lena Wilke (von links), Julia Dierich und Ole Benstem schleifen das
Glas für einen Teleskopspiegel. / Foto: Harborth (HAZ)

Hildesheim - Wenn man Glas schleifen will, sollte man tunlichst auf Feile und Schmirgelpapier verzichten. Es sei denn, man legt Wert auf tiefe Kratzer, Riefen und andere Beschädigungen. Falls nicht, kann man zum Beispiel feines Pulver auf eine Granitplatte streuen, etwas reines Wasser dazu geben und das Glas anschließend auf dem harten Stein kreisen lassen, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt. Der Vorteil dabei: Der Abrieb ist so gering, dass man das Glas nahezu perfekt bearbeiten kann. Der Nachteil: Es dauert sehr lange.

Julia Dierich, Lena Wilke und Ole Benstem sitzen in der Pausenhalle des Josephinums und setzen ihre Glasplatte im Auftrag der Wissenschaft in Bewegung. Das Zehntklässler-Trio ist dabei, einen Teleskop-Spiegel herzustellen. Ist die Arbeit beendet, können die Schüler damit zum Beispiel – den Rest des Teleskops vorausgesetzt – Himmelskörper beobachten. Doch im Grunde geht es um etwas anderes: Die Zehntklässler, gerade erst aus dem Osterurlaub zurück, wollen im nächsten oder übernächsten Durchgang an Deutschlands wichtigstem Wettbewerb für Nachwuchs-Wissenschaftler teilnehmen: „Jugend forscht“. Schon seit zweieinhalb Jahren beschäftigen sie sich damit, wie man einen Teleskop-Spiegel baut. Anfangs mit viel Theorie und kleineren Übungen mit Sand und Gips in einer Arbeitsgemeinschaft. Später stiegen die drei auf die Glasplatte um.

Das Trio würde gern in die Fußstapfen von Dennis Kobert treten. Der 17-jährige Abiturient des Josephinums ist aktuell einer der Landessieger bei „Jugend forscht“ und vertritt als einziger Teilnehmer aus Hildesheim die hiesigen Schulen vom 24. bis 27. Mai beim Bundeswettbewerb in Darmstadt.

Nur ein Zufall?

Als der Finalist sich noch nicht einmal für den Landeswettbewerb qualifiziert hatte, hatte Hi-Reg-Chef Matthias Ullrich die Leistungen des Bischöflichen Gymnasiums rund um den Nachwuchswettbewerb bereits hervorgehoben. Das Josephinum, so seine Worte bei der Vorstellung des anstehenden Regionalwettbewerbs, habe zwar in den zurückliegenden Jahren nie viele Teilnehmer zum Wettbewerb geschickt. Doch die Arbeiten derer, die mitmachten, hätten es in der Regel in sich. So räumten Schüler des Josephinums bis dahin drei Jahre in Folge Preise bei den Bundesentscheiden ab.

Ist das Zufall? Oder werden Josephiner auf „Jugend-forscht“-Erfolge getrimmt? Richtig ist, dass auch andere Schulen Erfolge rund um den Wettbewerb einfahren. Richtig ist aber auch, dass Eltern, die besonderen Wert auf die naturwissenschaftliche Ausbildung ihrer Kinder legen, von Anfang an mit dem Gymnasium auf dem Domhof liebäugeln. „40 bis 50 Prozent unserer Schüler wählen ein naturwissenschaftliches Profil“, sagt Schulleiter Benno Haunhorst.

Das Interesse setzt sich oft bis zum Abitur fort. Und spiegelt sich dort offenbar auch in den Noten. Im Schnitt legten die Josphiner in den Naturwissenschaften deutlich bessere Ergebnisse hin als alle anderen Schüler Niedersachsens. Der Landesdurchschnitt bewege sich bei acht bis neun Punkten. Die Abiturienten des Josephinums erreichten laut Haunhorst durchschnittlich drei bis vier Punkte mehr.

Ein ehemaliger Teilnehmer nimmt die Schüler an die Hand

Der Erfolg dürfte aber nicht zuletzt auch mit dem Namen eines promovierten Mathematikers, Astronomen und einstigen „Jugend-forscht“-Teilnehmers verbunden sein: Arndt Latußeck. Den Pädagogen darf man wohl mit Fug und Recht als Vater des „Jugend-forscht“-Erfolgs am Josephinum bezeichnen.

Latußeck ist selbst ehemaliger „Jugend-forscht“-Teilnehmer, hatte einst als Schüler des Andreanums in den Jahren 1987 und 1989 mitgemacht. Beim letzten Versuch übrigens mit einem Thema, das jetzt Dennis Kobert zur Perfektion brachte: der Frage nach der Dynamik eines offenen Sternhaufens. Einfacher ausgedrückt: Jeder Himmelskörper beeinflusst alle anderen in seiner Umgebung. Doch wenn 1000 Sterne einander beeinflussen, steigt der Wert der Möglichkeiten schnell ins Milliardenfache. Kobert wollte es ganz genau wissen: Er programmierte bis zu 20 Computer gleichzeitig, die die Veränderungen am Firmament berechneten.

Ob er damit in Darmstadt punkten kann, bleibt abzuwarten. Aber die einstige Arbeit seines Lehrers Latußeck hat er mit seinen Forschungen bereits weit hinter sich gelassen. Der freut sich über die Erfolge, die oftmals seine Handschrift tragen. Im Mai will er Kobert nach Darmstadt begleiten. Und danach? Stehen Julia, Lena und Ole schon in den Startlöchern.

Jufo CHA 1  Jufo CHA 2 Jufo CHA 3 Jufo CHA 4

2018

2017

2016

2015

Finalist Dennis Kobert und
Betreuer Arndt Latußeck
fahren vom 24. bis zum
27. Mai zur Endrunde
nach Darmstadt.
Philip Held und Andreas
Schröter gewinnen in
Erlangen einen Sonderpreis
für ihren Nachweis eines
interstellaren Mediums.
Steffen Ryll aus Holle
gewinnt auf Bundesebene
einen dritten Platz
für seine Entwicklung einer
Stundenplan-App.
Felix Menze sichert sich
mit dem Thema „Periodische
Bahnen im eingeschränkten
Dreikörperproblem“ einen
Sonderpreis.
06. März 2018

HAZ vom 6.03.2018: Josephiner rückt in Vorstand von SEAT auf

Christian Vollmer SEATBarcelona/Hildesheim - Seine Kumpels von damals planen vielleicht schon das 30-jährige Abiturtreffen – doch Christian Vollmer hat im Sommer möglicherweise keine Zeit. Der 48-Jährige steigt zum 1. Juli in den Vorstand des Automobilherstellers Seat auf. Das hat das Unternehmen gestern bekannt gegeben. Der Hildesheimer soll in dem neunköpfigen Führungsgremium die Verantwortung für Produktion und Logistik übernehmen.
Vollmers Aufstieg kommt zu einer Zeit, da die ganze Branche im Umbruch steckt – von der Diesel-Debatte über E-Mobilität bis zu autonomem Fahren bleibt in Sachen Auto derzeit kaum ein Stein auf dem anderen. Und der promovierte Maschinenbauer soll kräftig an der Zukunft mitbauen, zumindest bei Seat. Vollmer solle als Produktionsvorstand „Mobilitätslösungen für die Zukunft entwickeln“, heißt es aus dem Unternehmen. Grundsätzlicher geht es kaum. Auch für mehr Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit soll er sorgen.

An Erfahrung mangelt es nicht
An Erfahrung in der Volkswagen-Welt und auch im Ausland mangelt es dem einstigen Josephiner dabei nicht. Seit 1999 arbeitet er im Konzern, begann seine Karriere in der Planung des Presswerks in Wolfsburg. Von 2005 an leitete er die Fertigung im VW-Werk in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, fünf Jahre später ging er als Werkleiter nach Schanghai. In China lebt er mitsamt seiner Familie – Vollmer hat vier Kinder – inzwischen seit acht Jahren. 2014 wurde er Vizepräsident von SAIC Volkswagen, einem gemeinsamen Unternehmen von VW und einem chinesischen Partner. „Wir sind eine VW-Familie“, hatte Vollmer vor einigen Jahren gegenüber dem „Spiegel“ erklärt und betont, Frau und Kinder kämen immer mit.
Nun also nach Barcelona. Zu Seat, gut 12 000 Mitarbeiter, ein Jahresumsatz von zuletzt 8,6 Milliarden Euro, als hundertprozentige Tochtergesellschaft seit mehr als 30 Jahren Teil der Volkswagen AG. Vollmer soll unter anderem für die drei Produktionszentren in und bei Barcelona zuständig sein.

Zurück nach Wolfsburg?
Vorstandschef Luca de Meo versprach sich gestern von Vollmers Ernennung einen „Schub auch in Sachen Digitalisierung und Industrie 4.0“ bei Seat.
Und wenn das alles gut klappt – geht es für Vollmer irgendwann zurück nach Wolfsburg? Mit 48 Jahren ist der Hildesheimer noch recht jung. Sein Vorstandsposten wurde frei, weil der bisherige Amtsinhaber Andreas Tostmann als Produktionsvorstand zu VW selbst wechselte – und im Konzern ist Vieles im Umbruch. Was Spekulationen zulässt, wo Christian Vollmer, der 1988 am Josephinum Abi gemacht und danach in Kassel Maschinenbau studiert hat, sein könnte, wenn sein Abitur-Jahrgang seinen 35. oder 40. Jahrestag feiert.

17. Februar 2018

HAZ vom 17.02.2018: Herr Schreckenberg und die 13.500 Bücher

Josephinerbibliothek

Christoph Schreckenberg kämpft sich in der Dombibliothek durch 13.500 Bände Jesuiten-Nachlass. Der stand im Josephinum, ehe die Nazis ihn 1943 aus der Schule verbannten. Schreckenbergs Ziel: den bis zu 600 Jahre alten Schatz für kommende Generationen zu sichern. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Text: Christian Harborth / Fotos: Chris Gossmann



Christoph Schreckenberg klappt den Deckel eines hunderte Jahre alten Buchs auf und erstarrt. Jemand hat die Titelseite herausgerissen. Das kann gestern gewesen sein. Oder vor300 Jahren. Schreckenberg weiß es nicht. Er spricht es nicht aus. Aber für Bibliothekare wie ihn ist das eine Sünde. Man raubt Büchern ihre Identität und vergreift sich gleichzeitig an einem Kulturgut, das der Allgemeinheit gehört. Das ließe sich auch wunderbar mit einer Schimpfkanonade begleiten. Aber Schreckenberg ist ein feinsinniger Mensch. Niemand, der zu Worten voller Kraftmeierei neigt. Also schluckt er sein Unverständnis und seinen Ärger hinunter, rückt die randlose Brille auf der Nase zurecht und beginnt mit der Arbeit.

Der 58-Jährige ist Mitarbeiter der Hildesheimer Dombibliothek. Sein Büro im ersten Stock des Gebäudes am Domhof ist vergleichsweise schlicht. Aber was der studierte Historiker und gelernte Bibliothekar mit den kurzen weißen Haaren aus den Tiefen des Gebäudes holt und vor sich auf dem Tischausbreitet, hat es in sich. Schreckenberg sichtet und katalogisiert den gesamten Jesuiten-Bestand, den die Ordensbrüder einst im heutigen Josephinum sammelten.

Dieser Ort war über mehr als 1100 Jahre eine Stätte der Bildung und damit auch der Bücher. Erst die Nazis durchbrachen diese Tradition. Sie machten das Josephinum 1942 zur Volksschule. Über Jahrhunderte erworbenes Wissen bedeutete ihnen nichts. „Die Altbestände empfanden sie als Last“, sagt die Leiterin der Dombibliothek, Monika Suchan. Die Nazis warfen die Bücher der Jesuiten aus der Schule. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Joseph Kuckhoff, der vor den Bomben aus Köln nach Hildesheim geflohen war, transportierte sie vorausschauend in die Kirche St. Hadrian und Dionysius nach Lamspringe. Dort überdauerten sie viele Jahrzehnte. Erst in den 1990er-Jahren brachte man sie zurück zum Domhof. Seit fast zwei Jahren ist Schreckenberg nun dabei, den Schatz der Vergangenheit zu heben.

Im Magazin der Dombibliothek lagern direkt unter dem Lesesaal mehr als 100.000 Bände. Etwa 13.500 von ihnen stammen aus der ehemaligen Domschule. „Das ist ein süßer Brei“, sagt der Historiker und beugt sich über ein ausgeblichenes Exemplar. Generationen von Lesern haben den Einband über die Jahrhunderte hinwegabgeschliffen.

JosephinerbibliothekarMehr als 5000 Bände hat Schreckenberg bereits katalogisiert. Die meisten, fast 2900, stammen aus dem 17. Jahrhundert. Aber die Funde gehen mitunter deutlich weiter zurück. Allein 400 der bereits gesichteten wurden im 15.Jahrhundert geschrieben – und damit im ausgehenden Mittelalter. Aber es sind noch ältere dabei. Zum Beispiele eine Psalm-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Schreckenberg weiß bereits, dass es sie gibt. Aber er hat sich noch nicht näher mit ihr beschäftigt. Heute gehört Buchdruck zumStandard. Doch im15. Jahrhundert glich er einer kleinen Sensation: Johannes Gutenberg hatte das Druckverfahren erst Mitte des 15. Jahrhunderts erfunden. Vorher mussten alle Bücher per Hand vervielfältigt werden.

Jedes alte Buch kann eine Sensation bergen. „Jede Kleinigkeit ist interessant“, sagt Schreckenberg. Sogar die Sammlung Programmhefte, die er jetzt zur Hand nimmt. Die Jesuiten, die bis ins 18.Jahrhundert am Domhof forschten, unterhielten eine Theatergruppe, die mehrmals im Jahr Stücke aufführte. Was sie gaben und welcher Ordensbruder in welcher Rolle zu sehen war, kündigten sie schon damals auf Zetteln an. 160 davon ließen sie irgendwann zu einem Band binden, den Schreckenberg jetzt aus dem Regal zieht. „Das ist etwas sehr Besonderes“, sagt er. Man wird sehr weit reisen müssen, um auf der Welt auf eine vergleichbare Sammlung zu stoßen. Die weltweit renommierte Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel etwa besitze eine Sammlung, die gerade einmal 29 Programmhefte umfasse.

Die Zahl der Bände sagt nichts über die Zahl der darin enthaltenen Bücher aus. Wer es sich leisten konnte, ließ früher Bücher zu Bänden binden. Bücher glichen zu manchen Zeiten eher grob miteinander verbundenen Seiten – jedenfalls nach heutiger Vorstellung. Erst gebunden bekamen sie einen festen Einband. Im deutschsprachigen Raum in der Regel einen hellen aus Schweinsleder und einen kunstvollen Stempel auf der Vorderseite. Die Bände spiegeln heute die Interessengebiete ihrer ehemaligen Besitzer wider. Schreckenberg stößt in ein und demselben Band auf Werke über Theologie, Mathematik, Geografie und Pflanzenkunde, die ohne viel Federlesens – und ohne roten Faden – miteinander verbunden wurden.

Schreckenberg sitzt an seinem Schreibtisch und schaut auf die Stelle, die einmal eine Titelseite beherbergte. Früher wäre die Arbeit jetzt wohl meist beendet gewesen. Ein Buch ohne die Namen des Werkes und des Autors, ohne Verlagsort und Datum war wissenschaftlich gesehen nahezu bedeutungslos.

"Jedes alte Buch kann eine Sensation bergen."
Christoph Schreckenberg, Mitarbeiter der Dombibliothek


Doch das hat sich mit Computern und der modernen Form der Katalogisierung geändert. Schreckenberg macht sich auf die Suche nach dem Fingerprint des Buchs, eine Art Geheimsprache im Bibliothekswesen, um alte Drucke zu identifizieren. Auf vorgegebenen Seiten werden Buchstaben an vorgegebenen Stellen ausgewählt. Weil viele Millionen Möglichkeiten existieren, ist der Fingerprint eine Art Unikat: Hat irgendwo auf der Welt jemand dieses Buch erfasst, lässt es sich über Datensammlungen und die dortigen Fingerprints ausfindig machen.

Schreckenberg notiert die letzten beiden Buchstaben der letzten beiden Zeilen von Seite 13 und öffnet die Seite einer italienischen Bibliothek. „Die sind sehr gut“, sagt er und landet auf Anhieb einen Treffer. Das Systemnennt ihm nach wenigen Sekunden das 1581 in Leipzig erschienene „Handbuch der Theologie“. Autor: der im Jahr 1600 in Tübingen verstorbene Reformator Jacob Heerbrand.

Das allein hilft Schreckenberg noch nicht sonderlich weiter. Aber der Bibliothekar, der das Werk einst in Halle an der Saale erfasst hat, hat auch Bilder eingescannt. Der 58Jährige öffnet sie nacheinander und vergleicht sie mit dem Buch in seiner Hand. „Sie sind identisch“, sagt er.

Er schreibt die Daten in den Katalog der Dombibliothek, notiert mit einem dünnen Bleistift „3J5822“ vorne in das Buch und legt es neben sich. Die Hauptarbeit ist getan. Das „J“ in der neuen Signatur steht für Josephinum. 5822 ist die fortlaufende Nummer. Sie zeigt, wie weit sich der Bibliothekar bereits vorangearbeitet hat. Schreckenberg hat die Arbeit am Jesuiten-Nachlass im Januar 2016 aufgenommen. Wenn alles reibungslos verläuft, will er in sechs bis sieben Jahren fertig sein. Dann will er in den Ruhestand gehen. Läuft alles nach Plan, wird er an seinem letzten Tag eine Zahl niederschreiben, die sich irgendwo in der Nähe der 13.500 bewegt.

Bis es soweit ist, liegen noch viele Bände vor ihm. Schreckenberg ist ledig und kinderlos. Jeden Tag kommt er mit dem Zug aus Wolfenbüttel zur Arbeit. Man könnte meinen, dass jemand, der den Tag über Texte auf Lateinisch, Althochdeutsch, mitunter sogar Französisch oder Italienisch liest, am Abend kein Buch mehr in die Hand nimmt. Aber weit gefehlt: „Ich lese gern“, sagt er. Am liebsten Biografien – derzeit eine über die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff.

Wenn Schreckenberg die Arbeit im Büro abgeschlossen hat, müssen die Bände zurück ins Magazin. Der Fahrstuhl bringt den 58-Jährigen direkt in den Bauch der Bibliothek. Er geht an einer langen Reihe Regale entlang. Irgendwo in den Tiefen des Magazins brummt ein Entfeuchter leise vor sich hin. Die Bücher stehen in der Dombibliothek im Trockenen. Das war über Jahrzehnte anders. Während der Auslagerung in Lamspringe waren sie eher kalt und feucht gelagert. Das sieht man einigen der Bücher auch deutlich an. „Manche weisen Feuchtigkeitsschäden auf“, sagt Schreckenberg. Andererseits: Gemessen an den Jahrhunderten, die viele von ihnen schon auf dem Buckel haben, ist ihr Zustand durchaus gut. Und: Wenn ein beherzter Lehrer sie1943 nicht nach Lamspringe gebracht hätte, hätten die Nazis sie womöglich auf dem Domhof noch angezündet.

An Regal Nummer 16 bleibt Schreckenberg stehen. Bis hier sind alle Bände erfasst. Sein Blick wandert über15 weitere Regale, die sich allesamt unterirdisch an der schmalen Verbindungsstraße befinden, die zum Dom führt. Die meisten Regale sind abgearbeitet–und trotzdem liegt der größte Brocken noch vor dem Bibliothekar? Wie passt das zusammen?

Für die Beantwortung reicht ein Blick: Unter den erledigten Werken sind viele gigantische Schwergewichte, die mehrere Kilogramm auf die Waage bringen. Auf der anderen Seite warten noch sehr viele eher kleinere Bücher auf den Experten. Wobei in der letzten Reihe einige Bücherzusehen sind, die wohl nie mehr zu alter Form finden werden. „Das ist unsere schlimme Ecke“, sagt Bibliotheksleiterin Suchan. Hier lagern Exemplare, die zu feucht geworden sind, an denen Tiere nagten oder Menschen rissen. Trotzdem sind sie Teil des Kulturguts, Teil der Hildesheimer Geschichte. Deshalb will sich Schreckenberg noch mit ihnen beschäftigen. Weil sie Teil seines „süßen Breis“ sind. „Wegwerfen darf man sie jedenfalls nicht“, sagt er.

13. Februar 2018

HAZ vom 13.2.2017: Venedig-Flair zum Rosenmontag

Kunstprojekt des Josephinums erstaunt Fußgänger am Hohen Weg

Von Martina Prante

Karneval Kunstprojekt HAZ 2   Karneval Kunstprojekt HAZ

Den Huckup im Nacken: Am Rosenmontag wagen sich die Siebtklässler des Josephinums mit selbst gebastelten Masken in die Fußgängerzone. Lion Teiwes als Fotograf hat seine Masken-Gruppe vor der Jakobikirche positioniert.  FOTOS: MORAS


Hildesheim
- Sehr, sehr schön“, lobt eine Frau den kleinen Trupp maskierter junger Menschen, die ihr Montag Vormittag in der Fußgängerzone entgegenkommen. Sie bleibt sogar stehen und fragt nach, wie die Masken entstanden sind. „Mit ganz viel Kleister und Papier nach Vorlage venezianischer Masken“, erklärt Gloria Fröbrich mit blitzenden Augen. Ihr Kunstwerk beeindruckt durch eine lange spitze Nase: „Der Schlaumeier Nano“, erklärt Kunstlehrerin Angelika Gehler, die für die Aktion verantwortlich ist. Dass Charlotte Hessing Klavier spielt, verdeutlichen die Noten auf ihrer Maske. Und Aurora Bolthausen hat Legosteine aufgeklebt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Immerhin ist Fasching und Rosenmontag, erklärt die zwölfjährige Karolin Pham lächelnd und weist auf die Mitschüler, die in ihren schwarzen Umhängen, Kapuzen und den bunten Masken perfekt nach Venedig passen. Kunstlehrerin Gehler hat sich die Aktion zum Schwerpunktthema Menschen und Inszenierung und Fotografie ausgedacht. Außerdem war Montag Methodentag, beschreibt sie die Vorgehensweise: „Die Schüler sollen lernen, selbstständig vorzugehen.“

Und so ziehen die Maskenträger schweigend voran, von Protokollantin und Fotograf begleitet. Sie sollen beobachten und aufschreiben, was ihnen auffällt. Außerdem müssen Fotos gemacht werden: inszenierte und spontane. Die Maskenträger wiederum sollen später einen inneren Monolog formulieren, wie es ihnen – unerkannt – ergangen ist. Diese Aufgaben soll jede Gruppe in einem kleinen Buch zusammenfassen, das Angelika Gehler zensiert.

Die anfangs zitierte freundliche Dame bleibt allerdings bei dieser Aktion die Ausnahme: „Alle schauen. Manche auch weg, wenn sie die Kamera sehen“, stellt Cora Schmelzer fest. Aber die jungen Performer sollen die Passanten nicht ansprechen. Also dirigiert Cora ihre Gruppe in Richtung Arneken-Galerie – nicht zuletzt, weil es drinnen wärmer ist. Aber dort ist die Jungengruppe gerade rausgeschickt worden: „Wir dürfen da nicht fotografieren“, zeigt sich Lion Teiwes enttäuscht.

Also zurück zur Jakobikirche, wo der Zwölfjährige seine Maskenträger für das inszenierte Foto in Position bringt. Kunstlehrerin Gehler weist ihre Schüler noch einmal auf den Handspiegel hin, den sie den Passanten nach dem Motto „Erkenne Dich selbst“ vorhalten sollen. „Den krieg ich aber nicht raus“, weist Aurora auf ihre eingeschnürte Hand. Angelika Gehler befreit sie und damit den Spiegel. Und der wandert flugs vor Auroras Gesicht. „Erstmal schauen, wie ich aussehe“, lacht sie.